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#neuhier – von Plattformen und Hypertexten

Dies ist ein linearer Text. Lies ihn bitte von Anfang bis Ende durch.

Hyperlinks oder Weblinks machen es prinzipiell möglich alle Inhalte im World Wide Web zu verknüpfen. So ein Hyperlink stellt einen Querverweis zu einem anderen elektronischen Dokument dar.

Durch Hyperlinks verbundene Texte nennt man Hypertext. Normalerweise hätte ich das Wort Hypertext jetzt mit dem entsprechenden Wikipedia Eintrag verlinkt, aber ich verzichte mal darauf und schreibe den Link an das Ende dieses Blog Posts

Hypertexte werden nicht dafür geschrieben um von Anfang bis Ende in der veröffentlichten Reihenfolge gelesen zu werden. Sie unterscheiden sich damit erheblich von Buchtexten. Ein Buchtext wird normalerweise sequentiell von Anfang bis Ende gelesen.

Wenn du diese Zeilen in der Übersichtsseite des Blogs siehst, dann kommt nun ein „Weiterlesen“ Link, weil du dich ja entscheiden musst, ob das Thema so interessant für dich ist, so dass du nun auf diesem Link klickst und den Rest des Artikels liest. Mach mal … 🙂

Hallo, schön dass du da bist 🙂

Die Freiheit auf jeden Link zu klicken, „durch das Web zu surfen“, ermöglicht es dir an jeder Stelle eines Hypertextes mal kurz „abzubiegen“, besagten Links zu folgen und dort weiterzulesen.

Hypertext ist kein Produkt, Hypertext ist ein Konzept.

Prinzipiell könnte alles einmal beschrieben und dann verlinkt werden. Zack, ist die Universalbibliothek fertig. Mit der Wikipedia existiert heute dass wohl erfolgreichste Hypertext-Experiment überhaupt. Die Reihenfolge der Wikipedia-Artikel ist beliebig. Es findet oft kein lineares Leseerlebnis mehr statt.

Hypertext hat viele Vorteile, wirft aber auch Fragen auf.

  • Wie finde ich die gewünschten Informationen?
  • Wie lerne ich mit Hypertexten umzugehen?
  • Wie navigiere ich in Hypertexten?
  • Wie orientiere ich mich?
  • Was ist wichtig, richtig, sinnvoll?
  • Was ist gefährlich oder sogar verboten?
  • Folge ich dem Link, der mir angeboten wird?
  • Wie komme ich wieder zurück zu meinem Text?
  • Wie geht ich mit „toten“ Links um, also Texte, auf die verlinkt wird, die aber nicht mehr existieren?
  • Wie ist die rechtliche Situation, wenn auf einen Inhalt verlinkt wird, der unter bestimmten Bedingungen in manchen Länder strafbar ist?
  • Was ist, wenn sich der Inhalt des verlinkten Textes verändert?

Während das lineare Lesen eines Buches seit Jahrhunderten angewendet und erlernt wird ist die Nutzung von Hypertexten doch noch relativ neu. Oft entsteht nach der Lektüre von Hypertext-Dokumenten ein Gefühl der Desorientierung. Die Zusammenhänge verschwimmen. Was ist wichtig? Wo finde ich Relevantes? Wo bin ich? Was kann ich hier tun? Wo komme ich her? Wohin kann ich gehen? Wie komme ich weiter, wieder zurück, wieder raus? Die unterschiedliche Grösse der Bildschirme und Bedienung der Geräte führt zu weiteren Orientierungsschwierigkeiten.

Orientierungshilfen

Wie so oft bei der Einführung neuer Techniken, wird versucht Verfahrensweisen der „vorangegangen“ Kulturtechnik zu benutzen um sich ein gewisses Mass an Orientierung und vielleicht „Ordnung“ zu verschaffen. Ich denke da an Inhaltsverzeichnisse, Register, Glossare und Fussnoten, wie sie in Büchern erfolgreich verwendet werden. Auf Websites werden daraus Brotkrümelnavigationen (Bread Crumbs), Menüs und Tabs. Aber auch „zurück“-Buttons in Browsern und das „Tabbed-Browsing“, also mehrere Dokumente in jeweils einem „Tab“ oder „Register“ in einem Browserfenster versuchen die Orientierung zu erleichtern.

Viele Browser unterstützen sogar „Tab-Gruppen“ die bei Bedarf geöffnet werden können. Eine Tab-Gruppe ist eine selbst zusammengestellte Menge von Tabs mit Dokumenten innerhalb eines Browserfensters.

Auch Smartphone-Apps geben durch eine einfache Tatsache Orientierungshilfe. Ihr Funktionsumfang ist auf das jeweilige Thema begrenzt. Bei der Banking App geht es um Banken, bei der Instagram App um Instagram. Das könnte auch alles in einer App, dem Browser dargestellt werden, aber die Gefahr ist gross, dass man sich „verläuft“. In eine App kommt man schnell herein und schwer wieder heraus.

Mit diesen Orientierungshilfen lassen sich Zusammenhänge herstellen. Inwieweit dadurch die Orientierung erleichtert oder verkompliziert wird, hängt sicherlich auch von den individuellen Gegebenheiten ab.

Plattformökonomie

Soziale Netzwerke (beispielsweise Twitter, Facebook, Instagram, Snapchat, TikTok) sind als zentrale Plattformen organisiert. So eine Plattform hat Geschäftsbedingungen, man muss sich am Eingang mit einem Benutzerkonto anmelden. Nach der Anmeldung hat man bestimmte Berechtigungen und kann zusätzliche Services nutzen bzw. kaufen. Ein zentrales Team sorgt für die Einhaltung bestimmter Regeln. Wer sich nicht daran hält wird gesperrt und darf keine Inhalte mehr veröffentlichen. Orientierung geben automatisierte Algorithmen, die deine Timeline passgerecht zusammenstellen. Die Plattformen sind nicht untereinander kompatibel und konkurrieren gegeneinander. Ein Wechsel von einer Plattform zur anderen ist teuer und kompliziert. Das Prinzip dieser relativ neuen Wirtschaftsordnung heisst Plattformökonomie oder Plattformkapitalismus. Plattformen führen als Mittelsmänner Angebot und Nachfrage am Markt zusammen. Sie kontrollieren den Zugang zu Gütern und die Prozesse des jeweiligen Geschäftsmodells. Ein Ziel ist die Gewinnmaximierung pro User. Die Existenz solcher Plattformen wird im Zusammenhang mit „Hate-Speech“ zunehmend kritisch gesehen.

Social Media können zwar neue Dimensionen des bürgerschaftlichen Engagements öffnen, sie können aber ebenso neue Ausgrenzungsverhältnisse produzieren bzw. schon bestehende zementieren.

https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Medien#Probleme_der_unternehmerischen_Nutzung

ActivityPub

ActivityPub ist ein 2018 veröffentlichtes, offenes, dezentrales Protokoll für soziale Netze. Es enthält Befehle zum Erstellen, Hochladen und Löschen von Inhalten sowie eine Server-zu-Server-API für eine dezentrale Kommunikation. Das ist sehr abstrakt und der Nutzen vielleicht schwer verständlich, daher hier ein Zitat aus der Wikipedia.

Mit dezentraler Kommunikation ist bei ActivityPub gemeint, dass es möglich wird, die Inhalte eines sozialen Netzwerkes, Mikroblogs etc. auch aus anderen Netzwerken heraus abzurufen und an diese senden zu können. Würden z. B. Facebook und Twitter ActivityPub, zumindest die Server-zu-Server Schnittstelle, implementieren, könnte ein Twitter-Nutzer einen Tweet schreiben und ein Facebook-Nutzer ohne Twitter-Konto auf diesen Tweet innerhalb von Facebook antworten.

https://de.wikipedia.org/wiki/ActivityPub

Das ActivityPub Protokoll erweitert somit den „klassischen“ Hypertext-Ansatz um soziale Interaktion. Du kannst damit ein Bild oder einen Text „mögen“, „favorisieren“, „bookmarken“ oder „empfehlen“. Du kannst auch eine Nachricht, gewissermassen als Kommentar schreiben (reply) oder einen andere Nachricht verstärken (boost).

Hypertext mit ActivityPub = Fediverse

Um es mal salopp auszudrücken wäre ein Hypertext mit ActivityPub Anbindung ein sehr interessantes, aber vermutlich auch recht komplexes Gebilde. Dieses interessante Gebilde gibt es bereits seit mehreren Jahren, es heisst Fediverse.

Mit dem Begriff Fediverse werden alle Implementierungen dieser Idee bezeichnet, beispielsweise Mastodon, Pixelfed, PeerTube, Friendica, Pleroma, Misskey, und viele andere mehr. Es ist ein „dezentrales, offenes Kommunikationsuniversum“. Jede Software, die ActivityPub „spricht“ kann mitmachen.

Elon Musk kauft Twitter

In Folge der angekündigten Twitter-Übernahme durch Elon Musk im April wechselten zehntausende Nutzer zu Mastodon, darunter auch einige Prominente. Die „neuen“ User schrieben oft eine Nachricht mit dem Hashtag um sich in der neuen „Welt“ zu orientieren.


Ja und jetzt sind wir, nach dieser vielleicht etwas ausführlichen Vorbereitung, beim eigentlichen Thema.

Ich glaube, dass die Kombination Hypertext + ActivityPub Protokoll eine atemberaubende Zukunft haben wird. Der Hyperlink kann mit Bedeutung aufgeladen werden und der Hypertext wird um soziale Funktionen erweitert.

Wer ein WordPress Blog besitzt, kann heute bereits die ActivityPub Anbindung per Plugin installieren. Ein Mastodon User kann den Autoren des WordPress Blogs folgen und neue Blogposts erscheinen in der eigenen Mastodon Timeline. Wenn du beispielsweise meinen Artikeln per Mastodon folgen willst, gibt einfach im Suchfeld diese Adresse ein: @hagengraf@blog.novatrend.ch. Neue Blog-Posts erscheinen dann in deiner Mastodon-Timeline. Sie können natürlich auch „favorisiert“ und „geboostet“ werden und sind damit Teil des Fediverse.

Wenn das bei WordPress geht, dann geht das prinzipiell natürlich überall, also auch in einem WordPress Shop oder auf einer Nachrichten-Website. Ausser allen dynamischen Websites kann der gesamte Internet of Things Bereich ins Fediverse integriert werden. Folge deiner Heizung, deinem Auto oder „favorisiere“ ein anderes Auto 🙂 , folge einer Wetterstation, deinem Server, deinem Konto oder was dir sonst noch so einfällt.

Wenn wir also Antworten auf die obigen Fragen zum Thema Hypertext gefunden haben, könnte sich mit dem Fediverse tatsächlich eine dezentrale Alternative zur Plattformökonomie entwickeln.

Fazit

An dich erstmal vielen Dank, dass du einigermassen linear bis hierher gekommen bist und entschuldige bitte, dass ich jetzt erst die Links aufliste, aber ich wollte, dass du das hier ganz altmodisch linear liest um die Zusammenhänge besser zu verstehen. Ich glaube manchmal ist diese lineare Art und Weise zu lesen ganz hilfreich.

Ich freue mich auch sehr über deine Meinung zu diesem Thema im Fediverse. Unter diesem Artikel wird das Feedback gesammelt.

Links

Von hagengraf

Ich erstelle bequeme und benutzerfreundliche Orte in virtuellen und physischen Umgebungen.

5 Antworten auf „#neuhier – von Plattformen und Hypertexten“

@hagengraf Vielen Dank für diesen tollen Beitrag!! Ich habe einiges gelernt uns finde die Idee total spannen, bewusst keine Hyperlinks zu verwenden. Das versuche ich mir abzuschauen. Ich bin nach dem Lesen eines Artikel, so wie Du sagst, oft orientierungslos, habe massig Tabs geöffnet, aber nichts davon richtig gelesen. Andererseits macht es natürlich auch oft Sinn zu verlinken, um nicht doppelten Content zu erstellen. Links ganz am Ende des Textes – großartige Idee!

@hagengraf Wer ein WordPress Blog besitzt, kann heute bereits die ActivityPub Anbindung per Plugin installieren. Ein Mastodon User kann den Autoren des WordPress Blogs folgen und neue Blogposts erscheinen in der eigenen Mastodon Timeline.Ach…? Ist ja genial.Dort hätte bei einer anderen Art Text die Erwähnung von RSS hingepasst. RSA ist ja gut aber der Rückkanal war halt nie da…

Erwähnungen

  • hagengraf

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