Wolkige Zeiten

Wolkige Zeiten

Wolkige Zeiten

Infrastruktur und Services gehören zu einer Grundversorgung, die jeder benötigt. Ich denke da auch an Themen wie Bildung, den öffentlichen Nahverkehr, die Post und die Wasserversorgung, um nur ein paar Beispiele zu nennen. In der Schweiz wird dieses Thema unter dem Begriff „Service Public“ zusammengefasst. Da Infrastruktur fast immer teuer und kompliziert ist, gewährt der Staat Unternehmen, die sich damit befassen, oft absichtlich eine Art Monopolstatus, damit die Erstellung und die Funktionsfähigkeit der gewünschten Grundversorgung gewährleistet werden kann. Die Unternehmen können staatlich oder privat organisiert sein. Beide Varianten haben Vor- und Nachteile und sind ein stetiger Quell leidenschaftlicher Diskussionen.

Durch die schnelle technologische Weiterentwicklung der letzten Jahre überwogen bei der Frage nach der Organisation vieler Infrastrukturaufgaben oft die Vorteile privat geführter Unternehmen und so wurden viele staatliche Unternehmen privatisiert.

Cloud Computing ist einem öffentlichen Gut ganz ähnlich. Sinn und Zweck ist der Zugriff auf Dienste, die schnell mit minimalen Verwaltungsaufwand über eine existierende Breitband Internet Verbindung bereitgestellt werden können. Wenn du fliessendes Wasser in deiner Wohnung haben willst, dann muss jemand die Wohnung physisch mit dem Wasserversorgungssystem verbinden. Dieser Vorgang benötigt Zeit und ist unter Umständen recht aufwendig. Wenn es aber einmal eingerichtet ist, ist das Wasser da und plötzlich ist es nützlich einen Geschirrspüler, eine Dusche und eine Waschmaschine zu haben. Genauso verhält es sich mit Elektrizität und seit ein paar Jahren mit dem Breitband Internet.

Ist das Breitband Internet erst einmal eingerichtet und schnell genug, kann Cloud Computing Dienste anbieten, die vorher nicht möglich waren. Firmen können sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und IT Infrastrukturkosten können im Vorfeld vermieden werden. Bestes Beispiel ist unser Groupware Angebot. Anwendungen wie E-Mail, Kalender, Adressbuch, Aufgaben, Datenverwaltung, Textverarbeitung und Tabellenkalkulation sind unter einem „Dach“ sinnvoll verbunden und über jeden Internet Browser und Smartphone Apps verfügbar.

Wenn du einen solchen Service nutzen möchtest, der als Dienstleistung im Internet verfügbar ist, musst du dich „nur“ entscheiden und diesen Dienst abonnieren. Es gibt dabei keinen oder extrem wenig Wartungsaufwand und du kannst den Service sofort benutzen. Abrechnungstechnisch musst du dich auf ein „Pay-per-Use“ Modell einlassen und kannst dadurch sehr klar und sehr einfach deine Betriebskosten planen. Eine vergleichbare Infrastruktur lokal aufzubauen würde erheblich teurer und pflegeaufwendiger sein, eine Kostenplanung dafür deutlich komplexer.

Vielleicht hast du schon mal den Begriff Time Sharing Option (TSO) gehört. TSO war ein System auf IBM Grossrechnern in den 1970er Jahren. Time Sharing bedeutete, dass viele Benutzer gleichzeitig auf das Betriebssystem zugreifen können, ohne sich gegenseitig zu stören. Die einzelnen Benutzer wussten gar nicht, dass andere Benutzer ebenfalls aktiv waren. Der einzige Nachteil damals war die Notwendigkeit einer dauerhaften Verbindung zum Grossrechner, die damals sehr teuer war.

In den 1980er Jahren veränderte der PC mit seiner benutzerfreundlicheren Oberfläche diese Situation für Mitarbeiter und später auch für private Verbraucher. Mit diesen vergleichsweise winzigen Maschinen konnten viele Aufgaben lokal erledigt werden. Das sparte den Unternehmen viel Geld, da die Datenverbindungen immer noch teuer waren.

In den 1990er Jahren wurden Personal Computer über „neuartige“ virtuelle private Netzwerke (VPN) verbunden, die die zur Verfügung stehende Netzwerk-Bandbreite effektiver nutzen konnten. Das war praktisch für die lokale Vernetzung und die lokalen PC „Inseln“ konnten miteinander verbunden werden. Bereits damals wurde das Cloud Symbol verwendet um die Grenze zwischen der Verantwortlichkeit der Personal Computer in den einzelnen Abteilungen und des entsprechenden Rechenzentrums (oder anderer Abteilungen) zu symbolisieren.

VPN
VPN

Im Jahr 2002 startete Amazon die Amazon Web Services Plattform (AWS). Der Grund dafür war die Idee einer neuartigen Retail Computing Infrastruktur bei Amazon. Sie sollte vollständig standardisiert und automatisiert sein und sich weitgehend auf Webservices verlassen. Die Möglichkeit, den Zugang zu dieser Infrastruktur mit virtuellen Servern als Service auch an Dritte zu verkaufen, war damals „nur“ eine Idee um zusätzliche Einnahmen aus der sehr teuren und aufwendigen Infrastrukturinvestion zu generieren. Es brauchte noch weitere vier Jahre und einen Relaunch der Plattform im Jahr 2006 bis Firmen tatsächlich begannen von hauseigener Hard- und Software auf nutzungsbasierte Modelle bei den Amazon Services zu wechseln. Gartner prognostizierte in diesem Bereich ein dramatisches Wachstum.

Google startete seine App Engine in 2008, Microsofts Azure in 2011, SAP und Oracle im Jahr 2012. Das erzielte Wachstum war noch höher als von Gartner prognostiziert.

Plötzlich war es möglich von vielen neuen Technologien zu profitieren, ohne für jede dieser Technologien tiefes Fachwissen aufbauen zu müssen.

Virtualisierung

Der wichtigste Auslöser dieser Entwicklung war die Virtualisierung und die damit verbundene Erfindung des „virtuelle Geräts“. Das einfachste virtuelle Gerät ist vermutlich Speicherplatz. Für den Benutzer erscheint es als eigene „Festplatte“, in Wirklichkeit ist es aber nur ein kleiner Teil eines viel grösseren Systems, das zeitgleich von vielen Benutzern benutzt wird, ohne dass sie voneinander wissen. Auch Server liessen sich virtualisieren. Ein virtueller Server „fühlt“ sich an wie ein eigener Linux- oder Windows Rechner, ist es aber nicht. Es ist nur ein virtuelles Gerät, das über das Internet zugänglich und vom zu grunde liegenden physischen Computer getrennt ist.

Mit der Virtualisierung war es möglich ein skalierbares System aus mehreren voneinander unabhängigen Computergeräten zu erstellen und zu verwalten.

Der nächste Schritt lag auf der Hand. Das virtuelle „Alles“ wurde erfunden. Betriebssysteme, Anwendungen, Dienste, Speicher, Dateisysteme, Blockchains, Infrastrukturen, Daten, Netzwerke, ja sogar die Cloud selbst wurden virtualisiert und waren dadurch plötzlich „einfach zu erstellen und zu pflegen“. Ein neuer Markt von Unternehmen entstand, die keinerlei eigene IT Infrastruktur mehr besitzen. Die Kunden dieser Unternehmen haben keine Ahnung, wo deren Daten gespeichert sind. Netflix ist beispielsweise so ein Unternehmen, das komplett auf Amazon Web Services setzt und keine eigene Infrastruktur mehr betreibt.

Merkmale von Cloud Computing

Die fünf wesentlichen Merkmal von Cloud Computing sind:

  1. On Demand Self Service
    Bei Bedarf kann ein Kunde Services buchen (und für andere bereitstellen), ohne dass eine menschliche Interaktion mit jedem Anbieter notwendig ist.
  2. Breitband Netzwerkzugriff
    Alle Funktionen sind über das Netzwerk verfügbar und über Smartphones, Tablets, Laptops und Desktops zugänglich.
  3. Gemeinsame Nutzung von Ressourcen (resource pooling) 
    Die IT Ressourcen des Anbieters werden zwischen den Kunden und Projekten aufgeteilt.
  4. Schnelle Erweiterbarkeit (rapid elasticity)
    Bei Bedarf können Ressourcen einfach skaliert werden und wirken dadurch für den Kunden „unendlich“. Kurzfristige Lastspitzen können einfach abgefangen werden.
  5.  Abrechenbare Services (measured services)
    Die Nutzung der Ressourcen kann gemessen, überwacht und abgerechnet werden. Das funktioniert auch bei einer automatisierten Skalierung, die sich den unterschiedlichen Anforderungen ohne menschliches Zutun anpasst.

Die Zukunft ist wolkig

Um es kurz zu machen, technisch gesehen ist Cloud Computing „die Zukunft“ weil es billiger und einfacher zu benutzen ist.

Die letzte interessante Frage ist, welche Art von Cloud du haben möchtest.

Cloud Computing Typen
Cloud Computing Typen

Private Cloud

Eine private Cloud wird ausschließlich für eine einzelne Organisation betrieben. Sie kann intern oder von einem Drittanbieter verwaltet und entweder intern oder extern gehostet werden. Ein privates Cloud Projekt erfordert dabei auch die Virtualisierung der Geschäftsumgebung und natürlich auch, dass die Organisation Entscheidungen über vorhandene Ressourcen neu bewertet. Eine private Cloud kann prinzipiell jedes Geschäft verbessern, aber jeder Schritt im Projekt wirft auch beispielsweise Sicherheitsprobleme auf, die bedacht werden müssen, um ernsthafte Schwachstellen zu vermeiden. Selbst betriebene Rechenzentren sind in der Regel sehr kapitalintensiv. Die Anwender müssen in diesem Fall „immer noch kaufen, bauen und verwalten“ und profitieren daher nicht von allen Cloud Vorteilen.

Public Cloud

Man spricht von einer „öffentlichen“ oder Public Cloud, wenn die Services über ein öffentlich zugängliches Netzwerk bereitgestellt werden. Technisch gibt es wenig oder keinen Unterschied zwischen öffentlicher und privater Cloud Architektur. Im Allgemeinen besitzen und betreiben Anbieter öffentlicher Cloud Services die Infrastruktur in ihrem „eigenen“ Rechenzentrum und der Zugriff erfolgt über das Internet. Auf Wunsch werden aber auch direkte Verbindungsdienste angeboten.

Community Cloud

Eine Community Cloud teilt die Infrastruktur zwischen mehreren Organisationen einer bestimmten Community mit gemeinsamen Interessen, beispielsweise Gesundheitswesen, Forschung oder bestimmte Berufsgruppen, unabhängig davon, ob sie intern oder von Dritten verwaltet werden und intern oder extern gehostet werden. Die Kosten verteilen sich dadurch auf weniger Benutzer als bei einer öffentliche Cloud (aber mehr als bei einer privaten Cloud), so dass nur ein Teil des Kosteneinsparungspotenzials des Cloud Computing realisiert wird.

Hybrid Cloud

Gartner definiert einen hybriden Dienst als einen Cloud Computing Dienst, der aus einer Kombination von privaten, öffentlichen und gemeinschaftlichen Cloud Diensten verschiedener Dienstanbieter besteht. Dadurch kann die Kapazität des einen Cloud Dienstes mit einem anderen Cloud Dienst erweitert werden. Zum Beispiel könnte eine Organisation vertrauliche Kundendaten intern in einer privaten Cloud Anwendung speichern, aber diese Anwendung mit einer anderen Anwendung verbinden, die in einer öffentlichen Cloud als Softwaredienst bereitgestellt wird und die privaten Daten bei Bedarf benötigt.

Vertrauen

Wenn es so viele Vorteile gibt, muss es auch einige Nachteile geben und natürlich gibt es die.

Ich würde nicht alle der folgenden Punkte als Nachteile betrachten. Es ist sind eher Verluste, Defizite oder Änderungen. Es ist aber wichtig darüber nachzudenken und sie in die Entscheidungsfindung einzubeziehen.

Beim Cloud Computing …

  • … hast du begrenzte Anpassungsoptionen. Cloud Computing ist wegen der Skalierungseffekte prinzipiell preisgünstiger, und du bekommst genau das, was dir angeboten wird. Ein Restaurant mit einer begrenzten Speisekarte ist billiger als ein persönlicher Koch, der dir alles kocht, was du essen willst.
  • … ist die Kontrolle der Backend Infrastruktur auf den Cloud Anbieter beschränkt.
  • … sind Datenschutz und Vertraulichkeit in manchen Bereichen problematisch.
  • … sind technische Ausfälle unvermeidlich. Dies kann zu vorübergehender Geschäftseinstellung deiner Firma führen.

Vertrauen zum Anbieter ist in diesem Zusammenhang einfach wichtig.


tl;dr: Die Zukunft wird immer wolkiger, und das muss nicht schlecht sein 🙂

 

Autor: hagengraf

consultant, author, trainer, solution finder, web architect, developer, open source lover, visionary, orator, the good old webmaster. Able to simplify!

3 Gedanken zu „Wolkige Zeiten“

  1. Gute Übersicht

    Meine Gedanken zum kleinen letzten Absatz.

    Es ist nicht immer die Anzahl der Argumente dafür oder dagegen, die wichtig ist, entscheidend ist das Gewicht des Argumentes.
    Dass Kantine billiger ist als Privatkoch ist einfach nachzuvollziehen. Die Auswahl an Kantinen ist jedoch ziemlich gross und ich kann jeden Tag das Restaurant wechseln. Aber die Tendenz Dienste anzugleichen oder die Tatsache das bei einem Dienst die Datenmenge, beim anderen die Geschwindigkeit und beim dritten die Sicherheit nicht meinen Erwartungen entspricht, und dass es weder Wirtschaftlich noch Organisatorisch sinnvoll ist meine Daten bei 3 Anbieter zu hinterlegen macht die Sache ein bissl komplizierter.

    Auch die Frage der Privacy und Sicherheit hat ein enormes Gewicht. Schweizer Banken haben, gerade wegen der Elektronik das fast sagenhafte Bankgeheimniss weitgehend verloren. Es brauchte nicht einmal die Cloud. HD und CDs genügten. Und wenn Apple ein „behauptet“ unknakbares Iphone entwickeln, kommt sicher ein Richter der verlangt, dass es für ihn eine Hintertür geben soll. Mit Recht? Doch jeder weiss, dass wenn der Richter knacken kann, können es auch andere. Sogar eher besser?

    Versteht mich nicht falsch. Ich bin nicht für den Status Quo oder den Rückschritt. Es gibt einfach generell Fragen die schnellstens gestellt und beantwortet werden müssen, damit die wunderbar vernetzte Weit, nicht in eine ungewisse, möglicherweise unmenschliche Zukunft führt.

    – Internationale Rechtssicherheit
    – Politisch, soziale Souveränität und Eigentums Rechts
    – Demokratische Mitwirkung (Auch und einschliesslich „wie soll meine cloud funktionieren“)
    – Transparenz der Finanzierung
    – Transparenz der Verantwortung(en) – Wie ist das, wenn ich nur noch mit Systemen kommuniziere, nicht einmal weiss, wann und ob der standard Bot von einem Menschen abgelöst wird)
    – Muss die vemeintlich aber erzielte Unfehllbarkeit der Technik, die gegebene Fehlbarkeit des Menschen Rechnung tragen? Wie?

    Die Aufzählung ist zu ergänzen.

    1. Danke für den ausführlichen Kommentar. Das wird noch ein sehr grosses Thema werden, wenn alle langsam die Tragweite verstehen. Ich bin wirklich gespannt wie es weitergeht. Vielleicht noch eine Anmerkung zum Bankgeheimnis. Die Technik ist die eine Sache. Zusätzlich benötigst du aber auch Menschen, die die Daten weitergeben, abhören, hacken und/oder leaken.

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